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Kastrierter Homer
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Alle meine Rezensionen ansehen (REAL NAME) Rezension bezieht sich auf: Ilias (Audio CD) Dramatische Livelesung des Schauspielers Rolf Boysen. Live: Das erklärt sinnentstellende Lesefehler ("Dardaner" statt "Danaer" in Il. 1,40) oder die nicht seltenen, durchaus störenden künstlichen Silbenlängungen (vermutlich, um wieder in den Text zu finden). Weite Passagen sind allerdings hervorragend vorgetragen. Die Lesung als solche: 4 Sterne.
Katastrophal und mit "brutalstmöglicher" Schlechtbenotung die entsetzlichen Textkürzungen. Nach Coverangabe dauert die Lesung 462 Minuten = 7:42 Stunden. Zum Vergleich: die vollständige Iliaslesung von Hans Jochim Schmidt dauert nach Coverangabe 22:30 Stunden! Immerhin weist der Verlag auf die Kürzung als solche hin, verschweigt aber deren Ausmaß.
So fehlen beispielweise 2, 204 ff. die lebendige Thersites-Episode, im 2. Gesang die Schiffs- und Troerkataloge, insgesamt der 10. und 13. Gesang, im 23. Gesang Verse 245-897, die Leichenspiele zu Ehren des Patroklos.
Eine Kulturschande und auch durch Zeitnot nicht zu entschuldigen ist die Auslassung der grandiosen und zu Recht berühmten Beschreibung des Schildes des Achill im 18. Gesang. Welcher Banause auch immer für diese Verstümmelung verantwortlich ist, sein Andenken sei verflucht. Die Schildbeschreibung gehört zu schönsten und eindrucksvollsten Passagen der Ilias. Sie eröffnet einen Blick auf den gesamten homerischen Kosmos, geographisch wie gesellschaftlich. Auch im Aufbau des Epos kommt der Schildbeschreibung eine wichtige Funktion als ausgedehnte, aber gleichzeitig spannungserhöhende Ruhepause "vor dem Sturm", nämlich dem Zweikampf zwischen Achill und Hektor, zu.
Wolfgang Schadewaldt, dessen eindrucksvolle Übersetzung Boysen verstümmelt, hat dem Schild des Achill einen lesenswerten Aufsatz von über zwanzig Seiten in seinem Buch "Von Homers Welt und Werk" (2. Auflage Stuttgart 1951) gewidmet. Karl Reinhart, Die Ilias und ihr Dichter, Göttingen 1961, handelt auf über zehn engbedruckten Seiten von Homers Schildbeschreibung und zitiert Lessing: "Mit wenig Gemälden machte Homer sein Schild zu einem Inbegriffe von allem, was in der Welt vorgeht" (Lessing, Laokoon, Kap. 18, Anm.e). Auch der Historiker greift auf die Schildbeschreibung mit ihrem Realienreichtum zurück, so etwa Christoph Ulf, Die homerische Gesellschaft, München 1990, S. 171 ff.
Also: Wer die Ilias ein wenig kennt, verzweifelt ob der zahllosen Auslassungen. Wer sie noch nicht kennt, wird erst recht um viele schöne Stunden vom Verlag getäuscht.
Die oben angesprochene Iliaslesung von Hans Jochim Schmidt ist immer vorzuziehen, auch wenn Schmidts ruhiger Vortragsstil der Boysenschen Dramatik ermangelt (aber auch deren Mängel vermeidet).
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 23. Januar 2010 |